Zwischen den Zeilen lesen: Die Codesprache der Notenbanken verstehen

Trading wie im Wirtschaftsthriller: Ein Trader sitzt vor seinem PC und verfolgt live die Rede des US-Notenbankpräsidenten. Diese lässt zwischen den Zeilen ein für außenstehende Beobachter unbedeutendes, für Profitrader aber wesentliches Wort fallen. Wenige Sekunden später setzt sich der Markt ruckartig in Bewegung.

Die Pressekonferenzen der Notenbanken nach turnusmäßigen oder außerordentlichen Ratssitzungen sind für de Währungsmarkt von außerordentlicher Bedeutung. Die Notenbankchefs deuten auf diese Konferenzen an, wie sie die Lage der Wirtschaft und der Preisstabilität einschätzen und welche Maßnahmen die einzuleiten gedenken.

Wichtige Informationen stecken in kleinen Details

Wer sich noch nie mit den Äußerungen von Notenbankern beschäftigt hat wird die Zeichen, die gesendet werden kaum entdecken. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat es sich eingebürgert, dass wichtige Botschaften über die künftige Geldpolitik und Interventionsmaßnahmen dezent in längere Statements eingebaut werden. Das soll anhand einiger Beispiele verdeutlicht werden. Diese stammen nicht durchweg aus Pressekonferenzen nach Notenbanksitzungen. Wichtige Botschaften an die Märkte lassen Notenbankchefs auch gerne im Rahmen anderer Anlässe fallen.

„(…) und glauben Sie mir, es wird reichen.“ (EZB-Präsident Mario Draghi, 26. Juli 2012)

Der Euro stand unter Druck, die Märkte waren sich nicht sicher wie ernst es der EZB im Ernstfall mit Stützungskäufen sein würde. EZB-Präsident Mario Draghi ließ bei einer Veranstaltung zunächst relativ unspektakulär verlauten: „Innerhalb ihres Mandats ist die EZB bereit, alles zu tun, um den Euro zu retten“.

Das klingt wie ein Diplomatensatz: „Alles zu tun“ und „innerhalb des Mandats“ – im Zweifel ließe sich das fast beliebig interpretieren. Dennoch gelang es Draghi damals die Märkte für einen längeren Zeitraum zu beruhigen – mit einem Nebensatz: „Und glauben Sie mir – es wird reichen“. Dadurch ließ der EZB-Präsident durchblicken, dass die EZB notfalls großangelegte Interventionsmaßnahmen einsetzen werde um den Euro zu stabilisieren.

„Wachsende konjunkturelle Risiken“ = Zinssenkung?

Längst nicht immer sind versteckte oder in einem Nebensatz geäußerte Statements so spektakulär wie im Fall Draghi 2012. Wer sich die Statements in Pressekonferenzen ausdruckt und dann mehrere aufeinanderfolgende Statements vergleicht (es gibt genügend Finanzjournalisten dies das tun) findet jedoch immer wieder Muster.

Die US-Notenbank, die anders als die EZB nominell weniger der Preisstabilität und stärker der Konjunktur verpflichtet ist, verpackt geplante Zinsänderungen gerne mit Prognosen und Diagnosen zur konjunkturellen Entwicklung. Dabei wird die gegenwärtige Situation ebenso wie die erwartete künftige Entwicklung beschrieben. Spricht die Notenbank beispielsweise im Juni von einem „stabilen konjunkturellen Ausblick“ und ändert sie im August dies Formulierung in „konjunkturelle Abwärtsrisiken“ um, steht wahrscheinlich eine Zinssenkung ins Haus.

„Stabile Inflationsgefahren bei konjunkturellen Abwärtsrisiken“ = Zinssenkung?

In den Lagebeurteilungen der EZB spielt die Inflation eine größere Rolle, weil die Zentralbank anders als ihr Pendant in den USA zumindest nominell ausschließlich der Wahrung der Preisniveaustabilität verpflichtet ist. Hinweise auf Zinsänderungen finden sich deshalb häufig bei kombinierter Betrachtung der Aussagen zu Konjunktur und Preisentwicklung.

Spricht die EZB von „stabilen Inflationsgefahren bei konjunkturellen Abwärtsrisiken“ ist von einer Zinssenkung auszugehen, wenn die Inflationsrate nicht deutlich über 2,00 Prozent liegt. Diese Marke ist wichtig, weil die EZB stabile Preise bei Inflationsraten bei ca. 2,00 Prozent (offiziell knapp unter dieser Marke) für gewährleistet hält. Liegt die Inflationsrate deutlich darüber und sieht die EZB konjunkturelle Abwärtsrisiken bei gleichzeitig „vorübergehend höheren Inflationsrisiken“ ist wahrscheinlich, dass für einen gewissen Zeitraum auch höhere Inflationsraten in Kauf genommen und die Zinsen trotzdem gesenkt werden.

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